Die Wahrheit über das Elternsein

Das wird ein etwas längerer Blogbeitrag. Aber schließlich geht es ja um die Wahrheit. Und die lässt sich bekanntlich nicht in wenigen Sätzen abhandeln. Beginnen möchte ich meine Wahrheitsfindung über das Elternsein mit einer Geschichte:

Es war einmal …

Es war ein Sonntag im Spätsommer letzten Jahres. Mit meinem Sohn im Kinderwagen schlenderte ich den Gehweg nahe unserer Wohnung entlang. Am Ende des Weges sah ich einen kleinen Buben. Nach zwei getätigten Schritten wälzte er sich am Boden. Zum wiederholten Mal. Unter lautstarkem Protest. Seine Mutter ging rund 20 Meter davor. Ständig umkurvt von einem kleinen Mädchen am Rad. Ich blieb stehen, beobachtete ehrfürchtig die Situation. Als die Mutter meine Höhe erreichte, musste ich die Frage stellen, die mich die ganze Zeit beschäftigte: „Was macht man als Mutter oder Vater in so einer Situation?“

„Kinder rauben einem die Kraft“

Bevor ich Vater geworden bin, hätte ich mir wohl eher gedacht, warum diese Frau ihr Kind nicht unter Kontrolle hat. Warum sie den armen Buben auf dem Weg einfach liegen lässt. Diese Rabenmutter. „Mir blutet das Herz, aber ich muss konsequent sein“, beantwortete sie meine Frage. Und versuchte sich gleichzeitig selbst zu beruhigen. Immer ein Auge ihrem Sohn zugewandt. Während die Tochter permanent mit dem Rad zwischen ihren Beinen herumfuhr. Nie hatte ich den Eindruck, sie hätte die Situation nicht unter Kontrolle. Wir tauschten einige Minuten lang Erfahrungen aus. Ich ließ mich dabei um meinen im Kinderwagen schlafenden Sohn beneiden. Inzwischen hatte die Neugier den Trotz ihres Sohnes besiegt. Er kam angerannt und wollte Teil des Gesprächs sein. Zum Abschied gab mir die Mutter noch eine Botschaft mit auf den Weg: „Kinder rauben einem die Kraft. Aber sie sind so süß!“

Zurück zur Wahrheit

Doch wie sieht die Wahrheit über das Elternsein nun aus? Ist es diese ständige Gratwanderung, diese ewig andauernde Geduldsprobe? Ich habe mich bereits damit beschäftigt, ob ich ein moderner Vater bin, ob meine Work-Life-Baby-Balance im Gleichgewicht ist. Es gibt einfach Momente, da weiß ich morgens nicht, wie ich den Tag überstehen soll. Gezeichnet von einer durchzechten Nacht meines Sohnes. Mittlerweile fühle ich mich von meiner eigenen Müdigkeit gestalkt. Fahre ich abends von der Arbeit heim, fühle ich mich leer und ausgebrannt. Bis ich den Schlüssel in der Tür drehe und mir mein Sohn kreischend vor Freude entgegenläuft. In Sekunden befindet sich mein Akku im grünen Bereich. Der gesamte Stress des Arbeitstages fällt ab, sämtliche Themen, die mich zuvor nicht loslassen wollten, sind für null und nichtig erklärt. Die Zeit rennt, bis Samuel das nicht mehr tut und ich ihn ins Bett bringe. Danach schließe ich auch meinen Tag ab, erledige noch die nötigsten Dinge, checke die letzten Arbeitsmails und pflege die wenigen sozialen Kontakte.

Die sozialen Kontakte

Mit einem Kind sind soziale Kontakte schwieriger zu pflegen. Das liegt allein schon an der mangelnden Zeit. Kind, Partnerschaft und Beruf verlangen mehr Stunden, als der Tag hergibt. Die Arbeitszeit kann man nicht minimieren, die Zeit mit seinem Kind will man nicht reduzieren, für die Beziehung möchte man immer mehr Stunden haben. An gemeinsame Stunden ohne Baby können wir uns in den ersten 28 Monaten als Eltern wohl noch ziemlich genau erinnern. So wenige und kurz waren sie. Wir schwelgten in Erinnerungen, sahen uns Fotos und Videos von unserem Sohn an, bis er von seinem Spaziergang mit seinen Großeltern zurückkam. Wir vermissten ihn. Obwohl wir die Ruhe regelrecht aufsaugten. Solange wir beide wissen, dass wieder andere Zeit kommen werden, machen wir gute Miene zum anstrengenden Spiel.

Die „besonderen“ Tage als Eltern

Doch dann gibt es noch die anderen Tage. Diese Tage, die Eltern noch mehr fordern. Ein kränkliches Kind an einem verregneten, eiskalten Sonntag. Ohne Möglichkeit, die Wohnung auch nur kurz zu verlassen. Ab 6:30 Uhr morgens versuchen wir als Eltern unser Kind zu bespaßen, zu unterhalten, zu umsorgen. Und ernten unkontrollierte Schreianfälle – die wiederum sofort zu Sorgen führen, ob das Kind nicht doch ernsthafte Schmerzen habe. Doch wieder reicht dieser kleine, kurze Moment und alles ist wieder vergessen. Denn entwischt meinem Sohn ein Strahlen, ein Lachen oder nimmt er mich kurz an der Hand, um mir seine neuesten Entdeckungen zu zeigen, schmelze ich dahin. Erinnerungen an zuvor schwierige Momente sind scheinbar ausgelöscht. Es zählt dieser eine Moment.

Der Druck, gute Eltern zu sein

Ein Kind gibt seinen Eltern ständig neue Rätsel auf. Dabei ist es ausdauernd. Und lässt Erziehungsberechtigte oftmals ratlos wirken. Ist ein Schnupfen bereits eine Krankheit, wie viel Temperatur ist letztlich Fieber, wie ziehe ich das Kind warm (aber nicht zu warm) an? Fördere ich mein Kind richtig? Oder kann ich die Fragen, ob er schon, sitzt, geht und spricht, zu den richtigen Zeitpunkten beantworten? Und wenn nicht? Ist dann alles „normal“? Eltern stehen unter Druck, alles richtig zu machen. Die bewertende Community an Experten ist einfach (zu) groß. Letztlich ist der einzige Gradmesser, der zählt, das eigene Kind. Und die eigentlichen Experten seine Eltern.

Hochschaubahn

Das Leben als Elternteil gleicht einer kurvigen, verwinkelten, temporeichen Hochschaubahn. Plötzlich vergehen die Tage viel rascher als je zuvor. Permanent befindet man sich in einem Ausnahmezustand. Das Schlafdefizit erschöpft körperlich. Die Sorge, als Mama und Papa auch alles richtig zu machen, beschäftigt den ganzen Tag. Emotional erleben Eltern eine ganz neue Gefühlswelt: Weil es einfach nichts Schöneres gibt, als diesen kleinen Menschen aufwachsen zu sehen. Ihn zu beobachten, wenn er seinen ersten Schritt macht. Seine Freude zu spüren, macht er eine neue Entdeckung. Sein glückliches „Jaja“ zu hören, bietet man ihm eine Dinkel-Biskotte an. Und seine Nähe zu spüren, wenn er Schutz und Geborgenheit sucht. Ja, Kinder rauben einem die Kraft. Aber sie sind so süß – und ein großer, wertvoller Schatz! Und wir haben als Eltern das Privileg, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Das ist die Wahrheit über das Elternsein.

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