Die erste große Urlaubsliebe

Eigentlich ging ich ja davon aus, dass ich noch ein gutes Jahrzehnt Zeit habe, bevor ich mich mit den Liebesgeschichten meines Nachwuchses beschäftigen muss. Falsch gedacht! Der kleine Mann verfolgt wieder einmal seine eigenen Pläne. Und somit entstand die Geschichte über die erste große Urlaubsliebe meines Sohnes im Sommer 2019. Im Alter von zwei Jahren und acht Monaten …

Das erste Treffen

Sommer 2019: Wieder einmal spielten Samuel und ich am Campingplatz sein beliebtes Steine-Such-Spiel. (Spielanleitung für Nicht-Eltern: Dabei wird jeder kleine Stein aufgehoben, begutachtet und ganz vorsichtig an einen anderen Ort gelegt.) Das „Spiel“ kann gefühlte Stunden dauern. Nicht an diesem Tag. Denn plötzlich kam SIE den Weg entlang. Mein Sohn erstarrte, bevor sein Hals immer länger wurde und er schließlich ein „Oh! Ein Mädchen“ hervorbrachte. Ich sah die Möglichkeit einer Flucht aus dem Steine-Such-Spiel und motivierte ihn, ihr nachzugehen. Mit einem dreimaligen „JA“-Ausruf nahm der kleine Mann die Verfolgung auf. Um gleich wieder stehen zu bleiben, als er ihr Blickfeld erreichte, und sich hinter mir mit einem verlegenen „Papa, komm mit“ versteckte.

Wingman

Ich fühlte mich in meine eigene Teenager-Zeit zurückversetzt. Das „Ansprechen-oder-besser-doch-nicht“-Spiel beherrschten meine Freunde und ich in diesem Alter perfekt. Somit erkannte ich seine Botschaft. Er brauchte einen Wingman. Nach dem 5. Anlauf stand mein Sohn schließlich mit mir an seiner Seite vor seiner Auserwählten. „Ich bin Samuel, wie heißt du“, brachte der kleine Mann den rasch geübten Satz in seinem eigenen Kauderwelsch heraus und streckte die Hand entgegen. Zeitgleich mit ihrer Antwort versteckte er sich schon wieder verlegen hinter mir. Ich versuchte die Situation zu retten. Also verabschiedete ich uns und sah das Projekt als beendet an. Doch nicht so mein Sohn.

Die Mission startet

Strahlend sprach Samuel abends nur noch von seiner neuen Flamme. Die roten Backen konnten seine Verlegenheit nicht verheimlichen. Ein wenig nützten wir die neue Situation aus. Zähneputzen, Duschen, Essen, Schlafen stellten an diesem Tag keine Probleme dar, wenn wir nur versprachen, das Mädchen am nächsten Tag wieder zu suchen. Das taten wir auch. Nur scheiterten wir. Erst gegen Abend erspähte Samuel sie. Er stürmte voller Freude los, um sich noch kurz für diesen Tag zu verabschieden. Ein eigentlich untypisches Verhalten, da sich der junge Mann sonst eher zurückhaltend bei anderen Kindern verhält. Damit war klar, ich musste ihn unterstützen und meine Rolle als Wingman für seiner erste große Urlaubsliebe wieder ernster nehmen.

Der Plan

Völlig unauffällig umkreisten wir am nächsten Tag den Seezugang am Campingplatz. Das heiße Wetter spielte uns in die Karten. Die junge Dame suchte bald mit ihren Eltern die Abkühlung im Wasser. Ohne peinliches Geplänkel, das Teenager und Erwachsene ja beherrschen, gingen die beiden sofort aufeinander zu und spielten schwimmend im See. Die Kommunikationsschwierigkeiten überspielte Samuel mit seiner ansteckenden Fröhlichkeit. Dieses Eis war zumindest einmal gebrochen, ein weiteres wartete bereits. Denn ich nutzte diese Steilvorlage in bester Wingman-Manier aus: „Samuel, magst du auf ein Eis gehen?“, fragte ich unschuldig. Und jetzt überraschte er mich selbst. Der kleine Mann sprang freudig auf, schnappte „sein“ Mädchen an der Hand. Gemeinsam liefen sie händchenhaltend die rund 300 Meter zum Eisgeschäft. Glück, Freude und Stolz wechselten sich im Gesicht meines Sohnes ab. Der junge Mann war verliebt.

Der Abschied naht

Die nächsten 1,5 Tage stand die gemeinsame Zeit mit seiner Auserwählten im Mittelpunkt unseres Tagesablaufs. Wo sie auch war, war Samuel nicht weit. Die junge Dame – immerhin knapp drei Jahre älter – spielte das Spiel geduldig mit, ließ sich von dem neu entdeckten Draufgängertum meines Sohnes nicht abschrecken. Doch schließlich rückte der Abschied und das Ende seiner ersten großen Urlaubsliebe näher. Samuel überreichte noch ein kleines Geschenk zur Erinnerung, bevor wir wieder nach Wien und sie mit ihren Eltern Richtung Dresden reisten. Nicht ohne ein Wiedersehen im nächsten Sommer zu vereinbaren. Ob die beiden sich dann noch aneinander erinnern? Wir werden sehen – und ich darüber berichten.

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