Der unsichtbare Freund meines Sohnes

Plötzlich war er da. Zuerst nur sporadisch. Dann immer öfters. Einmal machte er es sich auf der Couch gemütlich, ein anderes Mal wollte er bespaßt werden. Oder er saß mit uns bei Tisch, fuhr mit dem Auto mit oder lenkte es sogar selbst, räumte Spielsachen aus, spielte verstecken oder ging selbstständig einkaufen. Seine Anwesenheit wurde immer spürbarer. Sein Name war Nono – der unsichtbare Freund meines zweieinhalbjährigen Sohnes.

Wer ist der unsichtbare Freund?

Anfangs spielte ich mit, nahm den neuen Mitbewohner mit Humor. Schließlich wollte ich mehr über den unsichtbaren Freund erfahren und übte mich als Profiler: Ich fragte seinen Kontaktmann – meinen Sohn – aus, fügte die Puzzleteile zu einer Identität zusammen. Doch der imaginäre Spielkamerad änderte diese beinahe stündlich. Irgendwann vermutete ich, dass er ein Bub ist, gerne Gemüse, aber auch Schokolade isst, dass er brav, aber viel lieber schlimm sein will. Aha! Profil erstellt. Wirklich kompliziert wurde es, als mit Mimi und Momo zwei weitere Spielkameraden auftauchten. Da die beiden allerdings deutlich „unscheinbarer“ wirkten, konzentrierte ich mich auf Nono.

Was macht Nono?

Nono nahm immer mehr Einfluss auf meinen Sohn. Im Supermarkt forderte er nachhaltig Dinge, die meinem Sohn untersagt waren. Abends wollte Samuel unbedingt aufbleiben, weil sein Freund ja auch noch nicht müde war. Oder Samuel streckte mir das Handy entgegen, weil Nono mich gerade anrief, um mir etwas Wichtiges zu unserem Tagesablauf zu sagen. Nono nimmt es auch nicht so genau mit der Pünktlichkeit. Oft mussten wir abfahrbereit warten, bis der unsichtbare Freund auch so weit war. Und es gab Schattenseiten: Einige Male brach mein Sohn in Tränen aus, weil Nono ihn erschrak. Oder er war der Verursacher eines plötzlichen „Auas“. Damit tauchten nach einigen, gemeinsamen Monaten doch Zweifel auf, ob seine Anwesenheit nicht besorgniserregend und gar ein Warnsignal wären. Ich suchte nach Antworten.

Recherchen

Galt der imaginäre Freund früher tatsächlich als gefährliche Sache und Vorbote für psychische Störungen, beseitigte Marjorie Taylor, Psychologin von der University of Oregon, die Sorgen vieler Eltern. Ihre Untersuchungen ergaben, dass rund 65 Prozent aller Kinder – vor allem Einzelkinder oder ältere Geschwister – irgendwann einmal einen unsichtbaren Freund haben. Und das sogar über Jahre. Weitere Studien fanden heraus, dass diese Kinder insgesamt kreativer und weniger schüchtern sind als andere, höhere soziale Kompetenzen haben und ein besseres Sprachgefühl. Diese Recherchen zu diesem Thema beruhigten mich. Allerdings lösten sie nicht mein Problem, wie ich in Zukunft mit Nono umgehen sollte.

Der Alltag mit Nono & Co

Während sich Mimi und Momo sehr zurückhaltend und kaum fordernd verhalten, ist Nono allgegenwärtig. Ja, der fiktive Gast wohnt jetzt bei uns. Wir verbieten ihn nicht, fördern aber auch seine Anwesenheit nicht. Besser gesagt: Wir versuchen uns mit Nono zu arrangieren, ihn aber auch zu erziehen. Regeln gelten somit selbst für den unsichtbaren Freund. Noch decken wir den Esstisch nicht für eine zusätzliche Person. Doch das schließe ich in Zukunft nicht aus. Denn Nono isst mittlerweile jeden Tag mit uns gemeinsam und Samuel verlangt, dass wir unser Essen mit ihm teilen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Experten Recht behalten. Denn dann müsste mein Sohn ja der kreativste Redner im 21. Jahrhundert werden. Wovon wir noch ein paar Schritte entfernt sind …

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