Wir sind dann mal NICHT weg

Es war alles angerichtet für unseren großen Abend voller Zweisamkeit, ganz ohne Baby. Schon Wochen vor Samuel`s Geburt startete ich mit der akribischen Planung des babyfreien Events. Ich erwarb Tickets für ein Konzert, buchte sicherheitshalber gleich zwei erfahrene Babysitter und sorgte für Platz im Tiefkühler, damit meine liebe Ehefrau genug Nahrung bereitstellen konnte. Zusätzlich beschwor ich seit November 2016 die Mutter meines Kindes, dass ein Abend ohne Samuel absolut im Bereich des Möglichen liegt. Auch die gelungene Generalprobe vor acht Wochen mit einer zweistündigen elterlichen Abwesenheiten klappte vielversprechend.

Kein guter Stern

Je näher der Abend rückte, desto mehr spürte ich das Aufziehen von Gewitterwolken über meinem Vorhaben. Plötzlich verabschiedete sich Babysitter 1 kurz vor dem Tag X auf eine über 10.000 km entfernte Insel. Angeblich sollte es keine Flucht sein, sondern ein spontan geplanter Urlaub. Gut, ich spannte ja sowieso vorsorglich ein Sicherheitsnetz und heuerte zusätzlich eine dreifache Mutter – seine Tante – als Expertin an. Doch dann gab es ja noch Samuel selbst, der ausgerechnet in den Tagen davor mit Stimmungsschwankungen auffiel …

Die Nacht davor

Samuel hatte offensichtlich Einwände gegen das Vorhaben seiner Eltern. Er entwickelte neue, noch nicht dagewesene Verhaltensmuster, die vor allem meine liebe Ehefrau herausforderten und schließlich in einem emotionalen Rundumschlag vor unserem großen Abend gipfelten. In dieser Nacht ließ ihn rein gar nichts zur Ruhe kommen. Jegliche kreative Beruhigungstaktik seiner Eltern schmetterte Samuel schreiend ab. Und das über gefühlt mehrere Stunden. Erschöpft und ratlos setzten meine liebe Ehefrau und ich alles auf eine Karte, packten unseren Sohn in den Kinderwagen, der stets eine einschläfernde Wirkung ausübt, und suchten den Weg nach draußen. Der Alternative einer beruhigenden Autofahrt machte der leere Tank einen Strich durch die Rechnung. Nie wieder verschiebe ich das Tanken auf den nächsten Tag …

The Walking Dad

Zur Geisterstunde lenkte ich den Kinderwagen mit einem schreienden Baby durch die Dunkelheit der umliegenden Wohnhausanlagen. Permanent hegte ich den Verdacht, von durch den Vorhang spähenden Bewohnern beobachtet zu werden. Emotional bereitete ich mich schon darauf vor, an der nächsten Ecke von einem mobilen Einsatzkommando der Polizei aufgelauert zu werden, das mich wegen Kindesentführung verhaftet. Diesen Eindruck musste der im Kinderwagen lautstark protestierende Samuel erwecken. Nach 45 Minuten erreichte ich  – ohne Handschellen und in Freiheit – mit einem schlafenden Baby unser Zuhause. Damit stand uns jedoch noch eine Challenge bevor: Das schlafende Kind vom Kinderwagen in sein Bett zu transportieren.

Die schlafende Bombe

Wie eine Bombenentschärferin schlich sich meine liebe Ehefrau behutsam an den Kinderwagen an, analysierte den Inhalt, deckte zunächst die Decke ab, hob den ruhigen Körper von Samuel hoch und bewegte sich in Slow Motion zu seinem Bett. Wie angewurzelt stand ich beobachtend daneben, wagte nicht einmal zu atmen. Und tatsächlich ging der Plan auf. Samuel schlief in seinem Bett weiter – für genau zehn Minuten. Dann startete das Unterfangen erneut. Erst weitere zwei Stunden später hatte der Spuk endlich sein Ende.

Ein Abend daheim

Aus unserem groß geplanten Ausgang wurde letztlich ein Abend daheim. Niemals hätten wir den Abend genießen können, solange unser Sohn emotional so neben sich steht. Wir belohnten dafür unseren Babysitter mit den Karten. Und Samuel: Er holte tagsüber das Schlafdefizit nach und ist seither vergnügt und ausgeglichen wie davor. Ein Schelm, der unserem Baby Kalkül unterstellt …

 

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