Rollentausch? Eine ewige Diskussion

„Tauschen wir einmal. Nur für einen Tag.“ Ein Satz, der bei frischgebackenen Eltern gerne zu ausschweifenden Diskussionen führt. Egal, ob dieser vom berufstätigen oder karenzierten Elternteil entstammt, die Aussage sorgt für Zündstoff. Auch meine lieben Ehefrau und ich zündelten schon einige Male mit dieser Bombe. Noch kam es allerdings nicht zur Explosion.

Die Zündschnur

Meist lege ich selbst die Zündschnur. Mit unüberlegten und nicht fertig gedachten Aussagen. Zu den Klassikern zählen meine Kommentare, wie „ruhig und fröhlich unser Sohn heute wieder ist“, spiele ich abends in der knappen Papa-Sohn-Zeit mit ihm. Oder ob er denn „schon schläft“, kommt meine liebe Ehefrau nach über eine Stunde seufzend aus dem Schlafzimmer, wo sie versucht hatte, den kleinen Mann in das Land der Träume zu befördern. Ebensolches Potenzial weist die Diskussion auf, welcher Tag denn nun stressiger gewesen sein. Der Arbeitstag im Büro oder der Alltag mit Baby. Magisch zieht uns dabei die Vorstellung an, in die Rolle des jeweils anderen zu schlüpfen. Wenn auch nur für einen Tag.

Einmal nur Frau und nicht nur Mutter sein

Meine liebe Ehefrau ist 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche erste Ansprechperson für unseren Sohn. Schlafdefizit und permanenter Bereitschaftsdienst hinterlassen Spuren. Einfach einen Tag selbst nach den eigenen Präferenzen zu gestalten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die sozialen Kontakte beschränken sich auf wenige, andere Mütter, die in der ähnlichen Situation stecken oder eben Verwandtschaftsbesuche – weil Samuel stets mit von der Partie ist und über die Qualität dieser Treffen entscheidet. Nur schwer lässt sich mein Sohn zurzeit von nicht elterlichen Personen betreuen, steckt er doch mitten in der Phase des Fremdelns. So passieren Tage, an denen die Babysprache die Kommunikation beherrscht. Immer weiter entfernt sich meine liebe Ehefrau durch ihre Karenz auch von ihrem Beruf und ihren Kollegen. So gerne sie bald in ihren Job zurückkehren möchte, so sehr beschäftigt uns beide die Frage, ob Samuel denn zum Ende ihrer Karenz schon anders betreut werden soll bzw. kann.

Einmal nur Papa und nicht nur Bürohengst mit Vateraufgaben sein

Der Job nimmt auf eine Vaterschaft natürlich keine Rücksicht. Im Gegenteil. Das Argument, um 17 Uhr das Büro zu verlassen, um zu einem wichtigen Termin, einer beruflichen Veranstaltungen oder sogar zum Sport zu gehen, wiegt mehr, als einfach nach Hause zu seiner Familie zu fahren. Die früheren Erholungsphasen oder der viel zitierte Ausgleich zum Beruf finden nicht mehr statt, weil die rare Zeit für meinen Sohn und auch zur Entlastung meiner lieben Ehefrau reserviert ist. Zusätzlich hinkt ein Vater stets im Wissen um die neuesten Entwicklungen seines Kindes hinterher. Ich erfahre von seinen neu erlernten Fähigkeiten, aber erlebe selten die Premiere mit. Trotzdem habe ich – im Gegensatz zu meiner lieben Ehefrau – weiterhin das Privileg, über meine Zeit selbst zu entscheiden.

Die aktuelle Lage

Keine Frage, meine liebe Ehefrau ist im ersten Lebensjahr in vielen Dingen unverzichtbar für meinen kleinen Sohn. Nicht nur als Nahrungsquelle in den ersten Monaten, sondern auch in schwierigen Zeiten braucht Samuel einfach seine Mama. Mir bleibt meist die Rolle des Pausenclowns, der zur Unterhaltung und Ablenkung unseres Sohnes dient. Eine dankbare Rolle. Gleichzeitig bewundere ich meine liebe Ehefrau, wie schnell sie neue Herausforderungen in diesem ersten Jahr als Mutter meisterte, wie sie sich unermüdlich mit Samuel beschäftigt und ihn fördert. Ich bezweifle, dass ich das in einer ähnlichen Qualität hinbekommen hätte. Natürlich wollen wir gute Eltern für unseren Sohn sein, viel Zeit mit ihm verbringen und optimale Rahmenbedingungen für seine Kindheit schaffen. Allerdings vermissen wir auch das, was wir nur begrenzt haben. Sicher ist, dass wir noch einige Male mit der Bombe zündeln und den „Tauschen wir einmal“-Satz noch öfters verwenden werden.

7 Kommentare

    1. “Grauenhaft” fände ich es, würde ich sie in den eigenen vier Wänden so nennen.
      Hier – bei meinen Geschichten – sehe ich das nicht so eng. Viel mehr satirisch. Oder als Hommage an Ephraim Kishon. Ich kann dir seine Bücher nur empfehlen!

  1. Oh man, Michael! Was sind das denn für vorsinntflutliche Ansichten? Woran sollte es bitte liegen, dass sich deine Frau besser um deinen Sohn kümmern kann als du? (Stillen ausgenommen). Aber Väter können genau so gut für ihre Kinder da sein wie Mütter, da sehe ich einfach null Unterschied!

    Möchtest du mit solchen Äußerungen dein schlechtes Gewissen beruhigen, dass du deine Vorstellungen, die du vor der Geburt von einem “modernen Vater” hattest nicht lebst?

    lg Anna

    1. Natürlich können Väter genauso gut für ihre Kinder da sein, wie Mütter. Das wäre ja schade, wenn das nicht möglich wäre. Das ist keine Gewissensfrage. Ich freue mich am Abend einfach zu sehen, was mein Sohn neu dazu gelernt hat. Ich frage mich nur selbst, ob er das bei mir selbst auch so rasch gelernt hätte. Das wird auch dann so sein, wenn er sein erstes Lied singt oder sein erstes Gedicht aufsagt.

  2. Für mich nicht nachvollziehbar. Gerade in der heutigen Zeit sind Väter den Müttern rechtlich gleichgestellt. Als Vater kannst du genauso in Karenz gehen und Elternteilzeit beanspruchen (letzteres ist ja sogar für Vater und Mutter zeitgleich möglich!). Wenn man will, geht alles. Lieber jetzt die gemeinsame Zeit nutzen und vielleicht etwas genügsamer leben!

    Und ich kann dir sagen: du verpasst absolut was! Gerade in den ersten Lebensjahren tut sich so viel und da baut man eine Bindung auf, deren Intensität für das restliche Leben prägt! Und diese gemeinsame Zeit steht über allem; kein Job und kein Geld dieser Welt kann dies auch nur annähernd aufwiegen, was man vom eigenen Kind zurückbekommt.

    Unser Sohn ist mittlerweile 5 und geht vormittags inkl. Mittagessen in den Kindergarten seit er 3 Jahre alt ist. Darüber hinaus würde ich ihn aber nicht in fremde Hände geben. Ich genieße jede Minute mit ihm und solange er mich braucht, bin ich für ihn da. Irgendwann wird er ohnehin einmal in einem Alter sein, in dem Eltern “uncool” sind…

    Zwar habe ich erlebt, als Vater im Job diskriminiert zu werden, doch die Frage ist, wie es seitens der Firmen dazu kommt. Und ich könnte mir vorstellen, dass es gerade diese klischeehafte Einstellung der meisten Väter selbst ist, die dazu führt. Eine Art Henne-Ei-Diskussion. Nur weiß ich, dass viele männliche Kollegen Angst hatten weil sie um ihre Zukunft im Job gefürchtet haben. Die Konsequenz war, dass der eine ohne andere ohnehin kurz darauf gekündigt wurde… hätte er die Elternteilzeit in Anspruch genommen, hätte er zumindest 7 Jahre Kündigungsschutz gehabt…

    1. Ja, da stimme ich dir in allen Punkten zu! Ich denke auch, dass diese Zeit unverzichtbar ist, dass alles geht und dass man auch genügsamer leben kann. Und vor ein paar Jahren hätte ich gar nicht darüber nachgedacht und wäre auch in Karenz gegangen. Doch wenn man Vater wird, werden auch die Gedanken an eine abgesicherte Zukunft immer stärker. Ich könnte meinen Job nicht in Teilzeit ausüben bzw. hätte ich nach einer Karenz nicht in meine Position zurückkehren können. Meine Ehefrau kann das aber schon. Mit über 40 Jahren noch einmal beruflich von vorne zu beginnen, war für uns einfach ein zu großes Risiko. Ja, es fehlte uns der Mut und ich merke jetzt schon, wie viel mir eigentlich täglich entgeht.

      1. Bei mir wars eigentlich so, dass mit der Geburt meines Sohnes die längerfristige Planung nicht mehr existent war. Einfach nur jeden Tag die gemeinsame Zeit genießen. Ich bin mir sicher, dass ich es andernfalls irgendwann bereut hätte, insbesondere in dem Wissen, was mir entgangen wäre.

        Du hast einen gesetzlichen Anspruch auf Elternteilzeit wenn du in einem Angestelltenverhältnis bist (auch wenn es dem Arbeitgeber vielleicht/wahrscheinlich nicht gefällt); in irgendeiner Form muss der Job dann in Teilzeit ausgeübt werden. Und du hast dann 7 Jahre, da kann so viel passieren und für die Zeit danach können sich neue Perspektiven auftun…

        Es liegt im Endeffekt nur an dir, welche Prioritäten du im Leben setzt.

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