Warum ein Kind genug ist – oder eben doch nicht genug ist

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Knapp acht Monate wohnt Samuel jetzt bei uns. Schleichend beschäftigt uns als Eltern immer mehr die Frage, ob wir jemals unsere Familie vergrößern werden. Rational gesehen, natürlich verständlich: Mit einem so gelungenen Prototypen wie unserem Samuel muss man klarerweise in Produktion gehen. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Mittlerweile ändert sich tagtäglich meine Meinung – und die meiner lieben Ehefrau.

Geburtstrauma

Gleich nach der Geburt von Samuel stand meine Meinung unumstößlich fest. Ein zweites Kind kommt für mich nicht infrage. Außer es bringt tatsächlich der Storch. Zu traumatisiert war ich selbst von der Geburt, zu schwerwiegend war die Sorge um meine liebe Ehefrau und Samuel. Doch die schöne Zeit mit meiner Familie lässt mich auch das immer mehr vergessen. Und einen Marathonläufer fragt man ja schließlich auch nicht unmittelbar nach dem Zieleinlauf, ob er jemals wieder einen solchen Lauf bestreiten wird.

Ja, wir wollen noch ein Baby, weil …

… Samuel ein Geschenk ist. Zweifellos. In seinen ersten Monaten präsentierte er sich als pflegeleichtes Baby, mit nur wenigen, dafür lieblichen Macken. Viele der Horrorgeschichten, die ich über die ersten Eltern-Monate gehört habe, bewahrheiteten sich (noch) nicht. Ja, ich traue mich sogar zu sagen, meine liebe Ehefrau und ich kommen zurzeit gut zurecht.

… ein Einzelkind nun mal ein einzelnes Kind ist. Sowohl meine liebe Ehefrau als auch ich selbst mussten jahrelang durch die harte Geschwister-Schule. Streiten, versöhnen, teilen, spielen, arrangieren und das Suchen von Kompromissen bestimmten unseren familiären Alltag. Und das war gut so. Heute zählen unsere Geschwister zu unseren engsten Vertrauten – das wäre auch unserem Sohn zu wünschen.

… in uns das Potenzial schlummert, unser einziges Kind zu verwöhnen. Auch unsere Verwandtschaft zeigt starke Tendenzen in diese Richtung, ist er ja schließlich auch ein Nesthäkchen. Ein Geschwisterchen würde sein Alleinstellungsmerkmal mit Sicherheit auflösen.

… jetzt die Baby-Infrastruktur steht und ruhigen Gewissens noch einen zusätzlichen User verträgt. Das Zurechtfinden im Angebotsdschungel diverser Baby-Ausstattungen strapazierte meine Geduld in meiner Papa-Vorbereitungsphase.

meine liebe Ehefrau und ich rein subjektiv und wohlwollend betrachtet, auf zwei gesunden Beinen im Leben stehen. So gesund, dass wir einem weiteren Kind ein gutes und sicheres Zuhause bieten könnten.

Nein, wir wollen kein Baby mehr, weil …

 … wir jetzt (endlich) vieles Im Griff haben: Rund acht Monate leben wir mit unserem neuen Mitbewohner zusammen. Wir verstehen uns immer besser, kommen miteinander gut klar. Ein neuer Besucher, der kommt, um zu bleiben, wirbelt unser Triumvirat wieder durcheinander.

… dann alles doppelt zählt: Ein Mann muss ein so komplexes Thema rational angehen: Zwei Babys verdoppeln nahezu alles in unserem Haushalt: Windelverbrauch, Kleidung, Spielsachen, Ausgaben. Sie verringern den Platz und unser Budget. All das löst bei mir einen kleinen Schweißausbruch aus. Aber noch ganz ohne Geburt …

vieles anders hätte kommen können: Unser Sohn ist gesund und fit. Es hätte auch anders kommen können. Ein kleiner Blutschwamm erinnert seine Eltern an die Komplikation bei der Geburt. Wie unverschämt wäre es von uns, dieses Risiko noch einmal einzugehen? Sollten wir nicht dankbar für das eine, gesunde Kind sein?

Zeit schon jetzt knapp ist: Unser Sohn dominiert das familieninterne Zeitmanagement. Wir bewegen uns in Zeitfenstern, die stets zu kurz sind. Gemeinsame, elterliche Stunden sind überhaupt rar. Ohne noch Dr. Google befragt zu haben, gehe ich stark davon aus, dass sich das mit einem zweiten Kind kaum verbessern wird.

… die größte Veränderung mit der Beförderung zur Mutter schon einmal meine liebe Ehefrau mitmachte. Eine zweite Schwangerschaft und ein zweites Kind bedeuten hier nur wenig Entspannung. Und sie bleibt ihrem Job länger fern, als ursprünglich gedacht und gewünscht.

Mittlerweile überwiegt die positive Erinnerung an meinen ersten und einzigen Marathon. So sehr sogar, dass ich mir ein Comeback vorstellen kann. Vier Jahre hat das gedauert. Sofern ich keinen Jungbrunnen finde, sollte unsere Entscheidung für oder gegen Familienzuwachs nicht so lange dauern.

Nachzulesen ist dieses Thema auch in der WIENERIN (Link)

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4 Kommentare

  1. Unser Sohn ist mittlerweile bald 5 Jahre alt, d.h. wir haben die Babyphase schon abgeschlossen. Mit Kind vergeht die Zeit gefühlt noch schneller – wie wäre das erst bei zwei?

    Für mich sprachen und sprechen einige Aspekte dagegen:

    – Man kann sich wunderbar auf ein Kind konzentrieren
    – Alternative Betreuungsmöglichkeiten in unserer Familie sind defakto nicht gegeben
    – Trotz der rechtlichen Grundlagen (Karenz, Elternteilzeit) ist man beim Arbeitgeber unten durch, das will ich kein zweites Mal erleben. (Auf Vollzeitbasis hatte mein Arbeitgeber überhaupt kein Verständnis, dass ich meinen Sohn auch wochentags in wachem Zustand sehen wollte. Daher damals der Entschluss zu Karenz/ETZ.)
    – Urlaubsmöglichkeiten mit einem Kind findet man gerade noch, mit zwei wirds schon sehr schwer, v.a. zu einem akzeptablem Preis
    – Ich kann mir gar nicht vorstellen, unseren Lebensmittelpunkt zu „teilen“

    1. Ich stimme dir bei allen Punkten zu 100 Prozent zu. Aber auch der soziale Aspekt – eben ein Geschwisterchen – spielt in meinen Gedanken eine große Rolle. Ich weiß echt noch nicht, wer sich hier durchsetzen wird …

  2. Meine Frau musste über ein Jahrzehnt Überzeugungsarbeit für EIN Kind leisten. Wobei ich dann auch wirklich selbst bereit war und mir insgeheim (aber auch ganz offensichtlich) einen Sohn gewünscht habe. Die 4 goldenen Regeln, um die Wahrscheinlichkeit auf einen Sohn auf 75% zu erhöhen, wurden eingehalten und es hat geklappt! 🙂
    Eigentlich hat meine Frau schon vor (!) der Geburt von einem zweiten Kind gesprochen, danach ebenso immer wieder. Aber ich denke, dass es nun deutlich mehr als ein weiteres Jahrzehnt Überzeugungsarbeit bräuchte. Ich finde einfach, dass ein Kind perfekt ist, noch dazu wenn es das perfekte Kind ist…

    1. Vor ein paar Wochen dachte ich noch genauso wie du darüber. Warum auch ein zweites Kind, wenn mit einem alles perfekt ist (und das eine Kind auch noch ein Bua ist ;-))? Jetzt ändert sich langsam immer mehr meine Meinung. Warum bist du so ganz entschieden gegen ein zweites Kind?

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