Der Kreißsaal – ein Lokalaugenschein

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Geradeaus, links, scharf nach rechts, danach ein kurzer Anstieg in den 2. Stock: Ein bisserl fühlte ich mich wie Marcel Hirscher, der sich soeben auf die Kurssetzung des finalen Slaloms in Kitzbühel einstimmte. In meinem Fall war es „nur“ der richtige Weg in den Kreißsaal im Krankenhaus unserer Wahl. Den trichterte die Ober-Hebamme allen anwesenden Vätern im letzten Teil des Geburtsvorbereitungskurses ein. Ein erster Lokalaugenschein:

Codewort „Geburt“

Wie immer etwas launig, aber auch nahbarer als in den Einheiten zuvor, machte sich die Kursleiterin mit einer Horde von Bald-Eltern auf den Weg vom Eingangsbereich in den 2. Stock.  Mittendrin statt nur dabei meine liebe Ehefrau und ich. Den Eintritt in die Entbindungsstation versperrten zwei  große Türen. Mit dem Codewort „Geburt“ sollten sich diese am Tag X für uns öffnen lassen, instruierte uns die Hebamme. Das sollte ich schaffen, auch ohne Notizen, bestätigte ich selbstsicher meiner lieben Ehefrau.

Weiche Knie

Die Kursleiterin führte die rund 30-köpfige Runde in das Vorbereitungszimmer, zeigte die Nasszellen und den Kreißsaal. Dieser unterschied sich nicht merklich von einem „normalen“ Zimmer in einem Krankenhaus, das den Gesundheitsprozess allein durch den Wunsch, nicht allzu lange dort verweilen zu müssen, vorantreibt. Daran änderten auch die blaue Wandfarbe und der grüne Peziball nichts. Meine Knie ließ der Kreißsaal doch etwas weicher werden. Das lag an dem Bewusstsein, die  Zielgerade ohne Umkehrmöglichkeit erreicht zu haben, kurz vor dem großen Finale, dem Grand Slam eines Mannes zu stehen. So musste es auch den anderen werdenden Vätern in diesem Raum gegangen sein. Das verriet die Stille in dem Kreißsaal. Und dafür war erstmals nicht die Ober-Hebamme verantwortlich.

Die vier Gebote

Rund 45 Minuten dauerten die finalen Ausführungen der Kursleiterin. Überraschenderweise nahm sie sich – für ihre Verhältnisse – viel Zeit, Fragen zu beantworten. Abschließend gab die Hebamme den werdenden Eltern noch vier Gebote auf den Heimweg mit: Wir sollen auf keinen Fall die Geburt planen. Wir sollen uns nicht in den Geburtsvorgang einmischen. Wir sollen niemandem Bescheid geben, wenn wir zur Geburt im Spital sind. Wir sollen stets nur maximal eine Person als Besuch empfangen.

Meine Erkenntnis

Fünf Einheiten hatte es gedauert, bis ich die Ober-Hebamme endlich verstand. Auch ich arbeite leichter ohne Unterbrechung, ohne Störung, ohne Einmischung branchenfremder Personen. Produktiver und erfolgreicher bin ich allerdings mit Teamarbeit. Auch teile ich gerne die Freude über einen geglückten Projektabschluss mit allen Beteiligten. Mit dieser Hoffnung, dass die Ober-Hebamme doch auch auf Teamwork steht und bei der Geburt Verständnis für Emotionen aufbringt, steuern meine liebe Ehefrau und ich dem Geburtstermin entgegen. Außerdem ist es ja alternativlos: Öffnet sie uns die große Türe zur Entbindungsstation, werden wir kaum sofort auf Fehlalarm plädieren und wieder heimfahren. Und ihren Dienstplan hat sie mir nicht verraten.

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