Der Adler ist gelandet

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„Eine Geburt darf man nicht planen.“ Diesen Satz trichterte mir die Ober-Hebamme in jeder Einheit des Geburtsvorbereitungskurses ein. Als braver Kursteilnehmer befolgte ich ihre Anweisung und plante die Unplanbarkeit. Klinikkoffer und Papa-Rucksack mit Gatorade, Power-Gel und Müsliriegel verstaute ich im Auto. Und dieses stand vollgetankt jederzeit fußläufig erreichbar. Das Handy gab ich im Büro-Alltag auch kaum mehr aus der Hand, allzeitbereit für DEN Anruf.

Der Auftrag

Wenn ich schon nicht planen durfte, wollte ich zumindest positiv auf mein ungeborenes Baby einwirken. Ich vertraute unserer Vater-Sohn-Kommunikation und erklärte ihm immer wieder über das Medium „Schwangerschaftsbauch“, dass für mich – statt wie geplant am Samstag – Dienstag ab 12 Uhr ideal für seine Ankunft wäre. Bis zu diesem Zeitpunkt gestattete mir mein Outlook-Kalender kaum eine Lücke, argumentierte ich. Und mein Sohn ließ tatsächlich Tag um Tag verstreichen. Leider glaubte ich anscheinend selbst nicht an unser Agreement, ereilte mich der Blasensprung-Anruf am anderen Ende der Stadt am Dienstag um 14 Uhr – ohne Auto.

Die Mission

Nun lag es an den Wiener Linien und mir, rechtzeitig im Spital anzukommen. In Rekordzeit erreichte ich mit der U-Bahn das Auto, fuhr zügig los und stand – im Stau auf der Tangente. Damit hatte ich eine zu diesem Zeitpunkt unnötige Erkenntnis mehr: Es gibt sie nicht, die Rettungsgasse für werdende Väter. Als ob sich alles gegen mich verschworen hatte, waren an einem Dienstag auch nur Sonntagsfahrer unterwegs. Und eine grüne Welle existiert in der Bundeshauptstadt sowieso nur im (Verkehrs-) Labor.

Der Check-In

Vollkommen gehetzt kam ich schließlich im Krankenhaus an, stammelte im Hebammenzimmer das Codewort „Geburt“ heraus und fand meine liebe Ehefrau liegend im Vorbereitungsraum wieder. Rasch stellte sich die Gewissheit ein, dass wir die Nacht nicht daheim verbringen werden. Um mich selbst zu entstressen, übernahm ich alle möglichen Agenden. Ich checkte meine liebe Ehefrau bei der freundlichen Rezeptionistin im Krankenschwesternköstum ein, heuchelte stets Coolness und Gelassenheit vor, holte den Klinikkoffer und meinen Papa-Rucksack aus dem Auto. Beides hatte ich in meiner Aufregung natürlich dort liegen lassen …

Die Zeit des Wartens

Im drei Stunden-Takt tanzten meine liebe Ehefrau und ich zur CTG-Untersuchung an. Dazwischen spazierten wir plaudernd und guter Hoffnung im Halbkreis durch die Geburtenstation. Immer wieder stoppten Wehen den Schritt der werdenden Mutter. Tapfer gönnte sie sich keine Pause. So ging es die nächsten Stunden bis wir uns um 5 Uhr in der Früh – ziemlich erschöpft – im Kreißsaal wieder fanden.

Die Geburt

Auch nach weiteren fünf und insgesamt 20 Stunden forderte die Hebamme weitere Geduld von uns ein. Bis der Oberarzt dem schließlich ein Ende setzte und die Geburt veranlasste. So gemächlich seit unser Ankunft alles verlief, so schnell liefen die nächsten Minuten ab. Der Gefühls-Cocktail aus Übermüdung, Erschöpfung, Emotion, Sorge und Angst setzte mir schwer zu. Im ersten Momente konnte ich gar nicht fassen, dass mein Sohn gesund und munter vor mir liegt. Als ich meinen Samuel – emotional vollkommen überfordert – in die Arme nahm, sah er mich an und schien zu sagen: „Papa, mach dir keine Sorgen. Mir geht’s gut. Und Mama ist sicher auch gleich bei uns.“ Und er hatte recht: Eine halbe Stunde später waren wir eine richtige Familie, als meine liebe Ehefrau ihren Samuel das erste Mal im Arm halten konnte. Mein Gefühls-Cocktail bekam „unbeschreibliches Glück“ als neue Zutat. Und ich wusste einmal mehr, welch starke, tapfere und tolle Person meine liebe Ehefrau ist.

 

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